Hanauer Fachtag zum Thema „Sexuelle Übergriffe unter Schülerinnen und Schülern“ in der Ludwig-Geissler-Schule am 13.06.2019

Insbesondere die Hauptreferentin des Fachtages, Diplom-Psychologin Julia von Weiler, Vorstand des Berliner Vereins „Innocence in Danger“, begeisterte die Teilnehmenden am Nachmittag mit ihrem Vortrag zum Thema „Sexuelle Gewalt im digitalen Zeitalter – Prävention und erste Intervention“. Alles unter der Gesamtüberschrift "Übergriffig…?! - Ansätze zu Prävention und Intervention von sexuellen Grenzverletzungen bei Kindern und Jugendlichen" - unter der noch viele weitere Referentinnen informierten.

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Referentinnen und Orga-Team
v.l.: Fr. Padberg, Fr. Pillmann, Fr. Dr. Gentsch, Fr. von Weiler, Fr. Jakob

„Sexuelle Übergriffe unter Schülerinnen und Schülern“ war das Thema des Fachtages an der Ludwig-Geissler-Schule in Hanau am 13. Juni 2019, zu dem das Staatliche Schulamt für den Main-Kinzig-Kreis in Kooperation mit dem Netzwerk gegen Gewalt und der Stabsstelle Prävention, Sicherheit und Sauberkeit der Stadt Hanau eingeladen hatte.
Rund 60 Teilnehmende aus Schule, Vertreter und Vertreterinnen des Staatlichen Schulamtes für den Main-Kinzig-Kreis, der Jugendhilfe, Beratungsstellen sowie der Polizei folgten der Einladung, so dass ein breit gefächerter Teilnehmerkreis erreicht wurde.
Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch den Schulleiter Christof Glaser sprach die Leiterin des Staatlichen Schulamtes für den Main-Kinzig-Kreis, Susanne Meißner, zu den Teilnehmenden. In ihrem Grußwort betonte sie die erfolgreiche Zusammenarbeit des Staatlichen Schulamtes mit dem Netzwerk gegen Gewalt und der Hanauer Stabsstelle Prävention, Sicherheit und Sauberkeit sowie weiteren Kooperationspartnern aus Schule und den regionalen Fachberatungsstellen. Dabei unterstrich sie die Notwendigkeit und Bedeutung der Prävention sexueller Übergriffe im Kontext Schule.
Auch Andrea Pillmann, Leiterin der Stabsstelle Prävention, Sicherheit und Sauberkeit der Stadt Hanau, hob in ihrer Begrüßung die langjährige, schon zur Tradition gewordene, gemeinsame Durchführung von Fachtagungen der drei verschiedenen Institutionen in Hanau und im Main-Kinzig-Kreis hervor. Seit dem Jahr 2013 gelingt es, Veranstaltungen zu Themen aus dem Bereich der Gewaltprävention für die verschiedenen Teilnehmerkreise anzubieten.
Frau Dr. Gentsch, Schulpsychologin am Staatlichen Schulamt für den Main-Kinzig-Kreis, führte in das sensible Thema „Sexuelle Gewalt“ ein und stellte die bisherige Arbeit des Schulamtes im Themenfeld sowie schulische Präventionsmaßnahmen vor. 32 Lehrkräfte aus Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis konnten im vergangenen Jahr in einer mehrtägigen Fortbildung zu Ansprechpersonen für sexuelle Übergriffe im schulischen Kontext ausgebildet werden.
In ihrem Vortrag griff Frau Dr. Gentsch die unterschiedlichen Begrifflichkeiten „sexuelle“ oder „sexualisierte“ Gewalt bzw. „sexuelle Übergriffe“ auf, informierte über Häufigkeit und Ursachen sexueller Übergriffe sowie über die wichtigsten Inhalte der „Speak! –Studie“ (Philipps-Universität Marburg und Justus-Liebig- Universität Gießen, Mai 2017), s. http://www.speak-studie.de/.
In der Speak!- Studie wurden hessenweit ca. 2000 Jugendliche aus Regel- und Förderschulen zu ihren Erfahrungen mit körperlicher und nicht-körperlicher sexualisierter Gewalt befragt. Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist die Erkenntnis, dass das Hauptrisiko für Kinder und Jugendliche, sexuelle Gewalt zu erfahren, von anderen Kindern und Jugendlichen ausgeht.
Prävention und auch Intervention, wie sie die Handreichung des Hessischen Kultusministeriums zum Umgang mit sexuellen Übergriffen empfiehlt, sind daher wesentliche Aspekte schulischer Schutzmaßnahmen.
In den anschließenden Workshops wurden Themen wie „Unterstützung bei der Entwicklung einer sexualpädagogischen Konzeption“ (pro familia), „Kinderschutz im Gefährdungsbereich sexuelle Gewalt: Abläufe in Schule und Jugendamt“ (Kommunaler Sozialer Dienst Hanau und Staatliches Schulamt Hanau), „Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die von sexuellen Übergriffen durch andere Kinder und Jugendlichen im schulischen Kontext betroffen sind“ (Lawine e.V.) sowie „sexuelle Übergriffe von Kindern und Jugendlichen (Wildwasser Gießen e.V., LIEBIGneun) behandelt.
Ein Markt der Möglichkeiten während der Mittagspause bot den Teilnehmenden die Gelegenheit sich auszutauschen, Informationsstände regionaler Beratungsstellen (profamilia der Stadt Hanau sowie Schlüchtern, Lawine e.V., WEISSER RING e.V, Zentrum für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (ZKJF), Hanauer H!lfe e.V.) zu besuchen, Fragen zu stellen und sich mit Informationsmaterial zu versorgen.

Die Hauptreferentin des Fachtages, Diplom-Psychologin Julia von Weiler, Vorstand des Berliner Vereins „Innocence in Danger“, begeisterte die Teilnehmenden am Nachmittag mit ihrem Vortrag zum Thema „Sexuelle Gewalt im digitalen Zeitalter – Prävention und erste Intervention“. Digitale Medien nehmen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere bezüglich sozialer Bindungen und Beziehungen. Aufgrund des noch andauernden Entwicklungsprozesses des Gehirns, können Kinder und Jugendliche die Folgen ihres digitalen Handelns nicht abschätzen und sind vielfach überfordert. Auch werde Kindern und Jugendlichen durch den ungehinderten Zugang zu Pornografie-Portalen ein falsches Bild von Sexualität vermittelt, welches sie nicht einordnen können. „Digital Native“ zu sein, sei kein Selbstläufer, gab Julia von Weiler zu bedenken. Kinder und Jugendliche brauchen vielmehr die Unterstützung der Erwachsenen, die sich dieser Verantwortung nicht entziehen sollten. Im Hinblick auf sexuelle Gewalt ist insbesondere das Smartphone das führende digitale „Tatwerkzeug“. Täterinnen und Täter nutzen digitale Medien und deren Plattformen, um sexuelle Gewalt auszuüben. Gefahren lauern auch bei Onlinespielen, bei denen ein Austausch über Chatrooms stattfindet. Diese fungieren oft als „Einfallstor“ für Täter und Täterinnen, da sie ungestörten Zugriff auf Kinder und Jugendliche bieten. „Als wesentliche Maßnahme zur Prävention sexueller Gewalt“, so betont die Referentin, „ist im Aufbau einer digitalen Beziehungskompetenz zu sehen“. Kindern und Jugendlichen sollte die Bedeutung des Vertrauens in die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gefühle aufgezeigt werden. Es sollte besprochen werden, was Freundschaft bedeutet, was eine gesunde analoge und digitale Beziehung ausmacht und wo die Grenzen sind. „Eine Prävention, die nur Angst macht, verfehlt ihren Zweck“, so von Weiler. Vielmehr benötigen Kinder und Jugendliche neugierige und aufgeschlossene Erwachsene, die eine klare Haltung vermitteln, gut informiert sind, hinsehen, helfen und vor allem Ruhe bewahren, wenn es Probleme gibt. So kann es gelingen, Kinder und Jugendliche zu schützen. Für pädagogisches Personal sei es deshalb sehr wichtig, sich gut zu vernetzen und die entsprechenden (Fach-) Beratungsstellen zu kennen, die Hilfe anbieten.
Der Fachtag endete mit einem Ausblick auf die kommende Fortbildung zum Thema „Prävention von und Umgang mit sexueller Gewalt im Kontext Schule“. Auch in diesem Jahr werden Lehrkräfte aus Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis zu schulischen Ansprechpersonen in einer mehrtägigen Fortbildung qualifiziert.

Weitere Informationen und Präventionsmöglichkeiten:

https://www.innocenceindanger.de
https://www.klicksafe.de/themen/
https://www.schau-hin.info/
https://www.spieleratgeber-nrw.de/

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an die Ludwig-Geissler-Schule in Hanau, die bereitwillig ihre Räumlichkeiten für die Fachtagung zur Verfügung stellte sowie an die beteiligten Kooperationspartner und Partnerinnen aus den (Fach-) Beratungsstellen in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis.

Verantwortlich:
Dr. Sandra Gentsch, Corinna Künzel, Staatliches Schulamt für den Main-Kinzig-Kreis, Stephanie Padberg, Regionale Geschäftsstelle Netzwerk gegen Gewalt im Polizeipräsidium Südosthessen, 21.06.2019