Tatort Familie - Vernetztes Handeln in der Praxis

Welche Auswirkungen hat das Miterleben häuslicher Gewalt auf die Entwicklung der im Haushalt leben Kinder? Welchen Unterstützungsbedarf haben sie. Ist das Hilfesystem so vernetzt, dass die beteiligten Institutionen ihre Aufgaben aufeinander abstellen? Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es in Kita, Schule und Jugendhilfe?

Fachtag "Tatort Familie", Bad König

Fachtag Tatort Familie

Das waren die Fragen, die den Fachtag bei strahlendem Sonnenschein in der Wandelhalle in Bad König/Odenwaldkreis bestimmten. 140 Teilnehmende, wie Lehrer*innen, Sozialpädagog*innen von Jugendämtern, Schulsozialarbeit, Beratung und Frauenhäusern, Erzieher*innen aus Kitas und Polizist*innen waren aus unterschiedlichen Regionen angereist.

Henrike Krüsmann, Sozialpädagogin und Koordinatorin für den Bereich Kinder und Jugendliche der seit 1993 bestehenden „Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen“ – kurz BIG-Berlin, war die Referentin des Tages. Aufgrund der Erkrankung von Frau Prof. Dr. Kavemann hatte Frau Krüsmann spontan auch deren Part übernommen.

Fachlich und im Vortrag höchst versiert beleuchtete Henrike Krüsmann die Definition Häusliche Gewalt, die Formen der Gewalt in Paarbeziehungen und das Ausmaß der Gewalt . Jede 4. Frau in Deutschland hat mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Mann oder Lebenspartner erlebt,  und jede 5. – 7. Frau relevante Formen psychischer Gewalt.  Knapp 8000 angezeigte Fälle Häuslicher Gewalt  weist die Polizeistatistik des Landes Hessen allein im Jahr 2015 aus. Die Dunkelziffer der nicht bekannten Fälle ist hoch. In 60% dieser Gewaltbeziehungen leben zum Zeitpunkt der Gewalt Kinder, so die Studien.

Oft richtet sich die Gewalt zwar nicht direkt gegen die Kinder, sondern deren Mutter. Kinder erleben die Gewalt ihrer Eltern aber sehr intensiv mit. Sie sehen die Gewalt, sie hören die Gewalt, sie spüren die Gewalt und sie denken sich Gewalt. Kinder werden Zeugen von Vergewaltigung, Misshandlung und wachsen in einer Atmosphäre der Gewalt und Demütigung auf.  Kinder, die selbst von ihren Eltern misshandelt werden, haben mehr als doppelt so oft Gewalt zwischen den Eltern beobachtet. Und Kinder, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, haben auch doppelt so oft Gewalt zwischen den Eltern beobachtet.

Diese Kinder entwickeln eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten, emotionalen und kognitiven (Lang-)Problemen. Aber nicht immer äußert sich das in auffälligem Verhalten, sondern kann sich auch in besonderer Angepasstheit auswirken.  Deshalb  ist es so wichtig, auch den Blick auf die Kinder zu richten, denen man nichts anmerkt, die besonders brav, lieb, leitungswillig und lustig sind. Auch das können Abwehr- und Bewältigungsstrategien sein.

Was brauchen diese Kinder? Sie brauchen leicht zugängliche Unterstützungsangebote, zugewandte Erwachsene, die ihnen glauben, persönliche und direkte Ansprache, Entlastung von Schuldgefühlen, um nur einiges zu nennen.

Kinder sind bei Polizeieinsätzen ebenso betroffen und von Bedeutung wie die Frauen selbst. Sie bei dem Polizeieinsatz wahrzunehmen, anzusprechen und ernst zu nehmen ist ein wichtiger Bestandteil des polizeilichen Einsatzes. „Hauruck-Aktionen“  sind kontraproduktiv, der Wille der Kinder und Frauen ist wichtig zu berücksichtigen. Unabdingbar ist die Benachrichtigung des Jugendamtes unmittelbar nach dem Polizeieinsatz. Denn ein Begleitungs- und Unterstützungsangebot der sozialpädagogischen Fachkräfte aus dem Jugendamt ist nur dann gewinnbringend, wenn es spätestens nach 3 – 5 Tagen  nach dem Polizeieinsatz angeboten wird.  Kinder fühlen sich ansonsten mit Ihren Gefühlen  weiter allein gelassen und fassen kein Vertrauen in die Fachkräfte.

Um diesen Kindern dann weitere Hilfe und Unterstützung anbieten zu können braucht es Kooperation und Vernetzung aller Hilfesysteme. Denn nur ein über die Institutionen hinweg gemeinsam bestimmtes Ziel ist auch zielführend. Dabei sind die verschiedenen Arbeitsaufträge und rechtlichen Grundlagen ebenso zu beachten, wie die unterschiedlichen internen Abläufe und Verfahren, Kulturen, Verhaltensskripte, Ausbildungen und Autoritätsüberlagerungen. Auch den Interessenslagen zwischen Frauenschutz und Kinderschutz ist Beachtung zu schenken. Festgeschriebene Handlungsleitlinien sind dabei hilfreich.

Der abschließende Teil des Tages war geprägt von der Präventionsarbeit. Henrike Krüsmann stellte Präventionsprojekte für Kita, Schule und Jugendhilfe vor, die in Berlin von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie als fester Bestandteil der Bildungsarbeit in der Kindertagesstätten und Schule eingeführt wurde. 

Zielgruppen der Workshops in Kindertagesstätten sind die Erzieher*innen, Eltern und Kinder in der Vorschulphase. Zeitansatz liegt bei den Erzieher*innen bei 6-8 Stunden, Kinder nehmen an 6 Workshops a 60 Minuten teil. Die Elterninformation beläuft sich auf ca. 1,2 Stunden und umfasst einen Elternbrief, Informationen über den Kinderworkshop und Häusliche Gewalt.
Die Prävention in der Schule richtet sich an die 4. – 6 Jahrgangstufe. Diese umfasst einen 4-tägigen a`4 Stunden Kinderworkshop plus Kindersprechstunde, Elternabende oder Elterncafe`s und –workshops mit 1 – 2 Zweitstunden zur Information über die Arbeit mit den Kindern und zu Häuslicher Gewalt.  Lehrkräfte als auch Schulsozialarbeiter*innen nehmen an Fortbildungen  und Studientagen mit einem Zeitansatz von 16 – 22 Zeitstunden teil. Ergänzend wird ein Coaching zur Durchführung der interaktiven Ausstellung „ECHT FAIR“ angeboten.
„Gute Liebe – Schlechts Liebe“ ist das Präventionsangebot von Gewalt in Teenagerbeziehungen. Zwei Tage a 4 Stunden in gemischtgeschlechtlichen Gruppen und geschlechtshomogenen Gruppen und dem flankierenden Angebot der Ausstellung „ECHT FAIR“ richtet sich an Jugendliche in der Schule. Darüber  hinaus informiert die Webseite www.gewalt-ist-nie-ok.de für Kinder und Jugendliche zum Thema Häusliche Gewalt.

Die Dreistufigkeit des Berliner Präventionsangebotes in Kita, Grund- und weiterführender Schule ist auf die nachhaltige Wirkung ausgerichtet. Durch die verbindliche Festschreibung im Schulprogramm, werden Eltern, Kinder und Erzieher*innen/Lehrkräfte geschult.

Die Erfahrung zeigt, dass auch betroffenen Kinder, aber auch Erwachsene über dies Angebote den Weg in die Beratung finden und von Unterstützungsangeboten Gebrauch machen.

In der anschließenden regen Diskussion mit den Teilnehmenden wurde deutlich, welch großer Bedarf an Information, Fortbildung und Vernetzung zu diesem Thema besteht. Erzieher*innen, Lehrkräfte und Fachkräfte aus Schulsozialarbeit sprachen sich für ein verankertes,  kontinuierliches  Präventionsangebot für ihre Einrichtungen aus.

@Christine Klein, Regionale Geschäftsstelle Südhessen Netzwerk gegen Gewalt